Die sieben Todsünden oder „All you can eat“

 

 

All you can eat 

An einer langen Tafel sitzen die sieben Todsünden. Der Tisch scheint festlich gedeckt, es gibt eine Kerze, es gibt Wein und Kuchen, auf dem schweren weißen Leinentuch stehen die Teller, wie es sich für ein Festmahl gehört, weisen Namenskärtchen jeder Todsünde ihren Platz an.

Bild

Beim genauen Hinschauen sehen wir den Wein in einem Laborbecher, das Tischtuch ist seltsam zerfressen, wie von Schimmel oder Motten und die Kuchen entpuppen sich als Osterlämmer, von denen es nur so wimmelt auf dem Tisch. Jedes Gedeck scheint zunächst gleich, doch sind es die feinen Unterschiede, die uns klarmachen, wer hier sitzt:

Asmodeus, die Wollust, saugt den Wein aus einem Kinderfläschen mit Strohhalmen und kann nicht genug auf dem Teller anhäufen, sein Platz ist verdreckt und überall gibt es angebissene Teile vom Osterlamm, probiert und wieder ausgespuckt. Vor nichts und niemanden macht er halt um seiner Lust zu huldigen und ist doch nie befriedigt.

Bild

Neben ihm Luzifer, der Hochmut, eine Kerze, eine Serviette und das Glas Wein zeigen sein Bedürfnis nach Abgrenzung zum wüsten Tischnachbarn, vom Lamm nur der Kopf, sorgsam angerichtet, eine Blutspur ästhetisch ausgarniert, wie das Dessert im Feinschmeckerlokal. Hier speist die bessere Gesellschaft. Doch die Speise ist dieselbe.

Bild

Der Tischnachbar zur Rechten des Luzifer ist der Leviathan, der Neid. Sein Teller ist nur mit Krümeln bedeckt, keine Serviette, kein Glas. Er sitzt am gedeckten Tisch, beobachtet die anderen, vergleicht und bewertet und kann selbst nicht satt werden, obwohl alles da ist.

Bild

Ganz anders Beelzebub, die Völlerei. Auf diesem Platz steht ein tiefer Suppenteller, der aber nicht ausreicht, denn der gesamte Platz quillt über von Gebäck. Ein Schlauch ragt aus dem Laborbecher, der vor ihm steht und der Wein ergießt sich im Teller und läuft über auf das Tischtuch.

Bild

Mammon, der Geiz, ist vielleicht der unscheinbarste. Niemand soll sehen, was er auf seinem Teller hat, die große weiße Serviette deckt alles zu. Er versteckt und behütet seinen Besitz, aber auch er nährt sich vom Lamm.

Bild

Vor Satan, dem Zorn, steht ein zerborstener Teller. Den hat er zerhackt, so wüst ist er bei Tisch, dass das Leintuch zerrissen ist und die Teile vom Lamm zum Brei zerdrückt sind. Er kann gar nicht satt werden, vor lauter Zorn kann er nichts essen.

Bild

Belphegor, der Trägheit des Herzens, ist das egal. Alles ist ihr egal, ihr Gedeck ist verschmutzt und verklebt, eine Spritze daneben. Selbst das Essen ist ihr zuviel, hier zählt nur Betäubung. Gleichgültigkeit, die sich mit Feigheit paart.

Bild

Eine Tischszene wirkt zunächst vertraut, an wie vielen Tafeln haben wir nicht schon gesessen und gefeiert. Auch Osterlämmer werden in vielen Familien noch heute traditionell am Ostertag gebacken. Sie weisen in der christlichen Tradition auf die Unschuld Jesu hin. Doch selbst wenn dieser religiöse Hintergrund vielen nicht mehr geläufig ist, das Unschuldslamm ist als Wort doch fest im Sprachgebrauch verankert. Von diesem Wort aus kann sich beim Betrachten des Szenarios eine Kette von Assoziationen ergeben. Wer muss heute als Unschuldslamm herhalten, wer wird geschlachtet und gegessen. Wer sitzt da am Tisch, wie erscheint die Wollust heute, die vor nichts und niemanden halt macht, um die eigene Lust zu befriedigen und die doch nie genug bekommt.

Bild

Der Titel „All you can eat“ verweist auf unsere eigene, alltägliche Verführbarkeit und verbindet mindestens zwei Todsünden miteinander – Völlerei und Geiz.

——————————————————————————————————————–

Installation in der Ausstellung „Die 7 Todsünden“ Dorfkriche Wilhelmsaue – Oderbruch 2013                                                                                                            Doris Kollmann

                                                                               

 

 

Advertisements